Johann Gottlob Scheuffler

Johann Gottlob Scheuffler

Die nachfolgende Familiengeschichte wurde vor 115 Jahren abgeschlossen. Rosemarie Flamme geb. Scheuffler (s.u. Ziff. 4 a 1) hat die in „Sütterlin“ (frühere Schreibschrift) handgeschriebene, im Steindruck verfielfältigte Fassung der Chronik bereits vor sieben Jahren in unsere heutige Schreibschrift handschriftlich übertragen bzw. übersetzt (wenige Wörter waren nicht zu entziffern). Ich, ihr Bruder Wolfgang, habe das Ganze endlich 2011 in den PC eingegeben und -für unseren Stamm fortgesetzt (s.u. das letzte Kapitel vor Ziff. 5/Namen und Wappen).

Starnberg-Leutstetten, Dezember 2011


Johann Gottlob, der im Jahrmarktstrubel zu Lommatzsch zur Welt gekommene zweite Sohn Martins, eine große Gestalt, weniger zum Horten in Geduld angelegt als sein älterer Bruder, ließ sich nach vollendetem Studium der Rechte bereits 1722 in seiner Vaterstadt als Advokat nieder und erlangte als solcher bald Bedeutung und Ansehen. Im genannten Jahre wurde er Gerichtsdirektor des umfänglichen Patrimoniumsgerichts zu Hirschstein. Im Traubuche der Stadt Meißen wird bei Gelegenheit des Aufgebots seines Sohnes seiner als des berühmten Rechtsvertreters (?) gedacht. Er war ansässig in Lommatzsch, im Jahre 1725 erstand er ein Dreihufengut in Waßlau um 460 fl„ das er jedoch 1728 an Rosine Scheuffler, seines Bruders Samuel Gattin, wieder veräußerte.

Er verheiratete sich am 21. April 1721 mit Jungfrau Christiane Concordia Reichel, des Pfarrers Gregor Reiche! in Roitzsch bei Bitterfeld , eines geborenen Lommatzschers (gest. 1719) hinterlassene Tochter und erfuhr von ihr den reichen Segen von 12 Kindern. Der Vater versäumte nichts, diesen die bestmögliche Erziehung zuteil werden zu lassen.

Fest in den Wissenschaften, vornehmlich in den alten Sprachen, unterrichtete er anfangs seine Kinder selbst. Auch seine Töchter betrieben die Sprachen mit, und es soll im häuslichen Verkehr munter Latein gesprochen worden sein. Später, im Jahre 1745, wurde ein Jenenser Student Gorani, der selbst beim Pfarrer Hillig Kinderleffrer gewesen war, zur Unterrichtung der Kinder angenommen.

Um sich die Kosten hierfür zu vermindern, trat Johann Gottlob mit zwei Bäckermeistern Schautze und Haupt in Verbindung dergestalt, dass diese ihre Söhne vom Hauslehrer mitunterrichten ließen und dafür diesem je 18 Wochen seines hospitiums und Kost sowie einen Teil des Schulgeldes zu gewähren hatten.

Das entfachte aber den Widerspruch der städtischen Lehrerschaft und gab Anlaß zu einem Beschwerdeverfahren, welches mit einigen Worten hier wiedergegeben werden mag, weil es nicht bloß die damaligen Schulverhältnisse beleuchtete, sondern auch die Streitbarkeit und Schärfe unseres Vorfahrens kennzeichnet. Der lb. Gerstäcker, Rektor, Israel Kayser, Kantor, Of. Wuzel, Organist und Chr. Schnabel Mägdenschulmeister, beschweren sich mit Bezug auf die Bestimmung der Schulordnung, dass nur etlichen fürnehmen Bürgern oder vom Adel ihren Kindern in ihren Häusern Praeceptores zu halten nachgelassen, darüber wenn man allenfalls den Herrn Advokat Scheuffler davon ansehen könnten, die beiden Handwerksleute der eben beschriebenen neuen Kinderlehrer sich bedienen, was nicht nur mancherlei Intervention, das Fehlen von Schülern, die in der Kirche das Singen , Recitieren, Vorlesen besorgen und die Leichen, mit sich bringen, sondern auch der ohnehin königlichen Besoldung der Lehrer Abbruch tun.

Dem hierauf ergangenen Ratsbeschlusse, der die beiden Bäcker anweist, die angefangene Winkelschule wieder einzustellen, tritt Johann Gottlob in Vollmacht der Bäcker entgegen. Den sog. Jungfern Schulmeister Schnabel weist er, weil Mägdlein gar nicht infrage, als ganz unbeteiligt zurück. Daß sie ihm selbst die Haltung eines Privatlehrers gestatten wollen, will er ihnen aber keinen Dank wissen. Dann aber kommt er auf die geringen Erfolge der in ihrer Schule itzo vereinigten Lehrerrat zu sprechen, die höchstenfalls nur für diejenigen gut genug seien, welche ein Handwerk zu lernen bestimmt sind, wofür er eine ins Einzelne gehende Begründung unternimmt.

Die Lehrer weisen, unter Beibringung \(on Zeugnissen des Fürstenschulrektors zu Meißen, den letzteren Vorwurf zurück.· Es ·wird Bericht an das Oberconsistorium zu Dresden erstattet, welcher dem Advocat Scheuffler vor seine Kinder einen Hausinformatoren anzunehmen freilässt, dagegen die beiden Bäcker anweist, ihre Kinder in die ordentliche Schule zu schicken.

Eine Appelation gegen diese Entscheidung, begleitet von dem lateinischen Argumentbüchlein der Schautze, sehen Söhne und einem 11 enggeschriebenen Blatt haltenden Zusammenstellung vitiorum grammaticorum, welche die Lehrer bei dem Correcturteil passieren lassen , teils selbst dazu gesetzt, wurde zurückgewiesen, als jedoch in einer unmittelbaren Eingabe an das Oberconsistorium die beiden Bäcker sich erbieten, die Hälfte des Schulgeldes (welches nach dem Zeugnisse des P. Hillig für eine Knaben für die Woche 3 ? betrug) zu bezahlen, gestattete das Oberconsistorium auch ihnen unter der Bedingung, dass sie den Lehrern das volle Schulgeld entrichten, das Halten des Privatinformatoris, eine Entscheidung, bei der es ungeachtet der Replik der Lehrer, die unter Hinweis auf ihre geringe Besoldung eine Erhöhung des Schulgeldbeitrags verlangen, nach der Verordnung vom 15. Dezember 17 47 sein Bewenden gehabt hat.

In religiösen Dingen hatte Johann Gottlob seine eigene Meinung, mit der er auch nicht zurückhielt. Die Familienüberlieferung erzählt, der Pastor loci habe ihn zur Verantwortung vorgefordert, als man ihn zur Rede gestellt, habe er sich ausgebeten, seine Meinung aufgrund des Urtextes der heil. Schrift verteidigen zu dürfen, gleichzeitig sein Neues Testament in griechischer Schrift hervorreichend.

Nach einiger Auseinandersetzung und quasi Disputation sei er wieder entlassen worden, dem Pastor zu Lommatzsch aber bedeutet worden, den dann seinen Weg gehen zu lassen, der wisse schon, was er wolle. Als Johann Gottlob am 18. März 1771 starb, hinterließ er fünf Söhne, sein sechster, der Älteste, war ihm vorausgegangen„ Es werden’s ihm nicht viele nachmachen.

Sechs Söhne studieren zu lassen, und wenigen wird wie ihm das Glück zuteil werden, dass er alle sechs in Amt und Würden selbständiger immatriculierter Advocaten sah. So wurde er der Gründer der Geschlechtslinie, welche, da auch die Nachkommen vorzugsweise dem Berufe des Rechtsgelehrten sich zuwandten, Jahrhunderte hindurch den Ruf , und Gott sei Dank den guten Ruf einer Juristenfamilie genoß und genießt, zugleich der Ausgang des kräftigsten Astes unseres Stammbaumes , der noch jetzt frischer Triebe voll ist und dessen Zweige die Familienzugehörigkeit schätzen und bewahren, während die Nachkommenschaft der anderen Linien ausgestorben oder doch zerstreut ist und ihre Abstammung nicht mehr kennt.

Johann Gottlob’s treue Lebensgefährtin überlebte ihn sieben Jahre, sie starb 79 Jahre alt, am 21. Dezember 1778. Sie war die erste Pfarrerstochter in der Familie, in der Folge kommen derer noch viele herein; gewiß haben sie dazu beigetragen, dass in der Familie allezeit eine tiefe und gesunde Religiosität zu Hause war.

..... ...